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Ihre Hände liegen ruhig am Mikrofon. 1.500, vielleicht 2.000 Leute warten unter den grauen Wolken auf unsere Zugabe. Seewind fängt sich in der Bühnenverkleidung und ich höre Elas Stimme leise aus dem Monitor. Sie flüstert die Worte von Niemals perfekt. Langsam gleiten meine Finger bis zum tiefen A, ich spiele die leere Saite zweimal mit Druck. Wuchtig schnellen die Bässe aus den Boxen, sie durchdringen mich ganz und gar. Tom öffnet die Hi-Hat, damit sie metallischer klingt und das Publikum anheizt. Eggert spielt Jazzakkorde auf dem E-Piano, Christel auf ihrer Gitarre. Im Echo wandern ihre Klänge durch die Menge und verwandeln den kalten Kurstrand von Laboe in eine träumerische Landschaft. Ela steht regungslos am Mikrofon.

Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und blicke zu Christel, dass der nächste Einsatz passt. Mit jeder Sekunde wirken die Tabletten besser, die in meiner Flasche Mineralwasser gelöst sind. Die Läufe auf dem Griffbrett werden leichter und ich gehe nach vorn zur Bühnenkante, doch Ela bricht ihre Zeile ab. Mitten in der Strophe senkt sie ihren Kopf und die langen, dunkelbraunen Haare verhüllen ihr Gesicht. Die Bühne ist von roten Spots gefärbt. Christel spielt düstere Akkorde und ich dämpfe meine Saiten, sehe Ela das Mikro umklammern – wir lassen es laufen, was immer sie auch vorhat.

„Niemals vollkommen“, schreit sie und springt hoch: „Niemals perfekt.“

Das Stativ kracht zu Boden, Tom drischt beide Sticks auf die Snare und das Publikum hebt die Arme. Wie vor einer Woche beginnt Ela einen wilden Tanz, sie schleudert ihre Hände durch die Luft, wirft den Kopf hin und her, singt voller Energie. Ihre Stimme klettert in die Höhe, als habe ihr der Himmel zum brüchigen Alt noch einen klaren Sopran geschenkt. Sie tanzt über den Laufsteg, der etliche Meter ins Publikum ragt. Ihr schwarzes Halstuch gleitet über die Schulter, fällt vom Wind getragen auf den Boden. Dann hält sie das Mikro weit von sich entfernt, dreht Pirouetten, während die Fans den Refrain immer lauter und lauter singen:

„Niemals vollkommen, niemals perfekt. Immer, immer weiter, optimier‘ dich von dir selber weg!“ ... bis Ela die Balance verliert und stürzt.

Auf den Video-Leinwänden links und rechts der Bühne ist ihr Kopf zu sehen. Sie liegt auf dem Rücken, die Kamera gewährt aber keinen Blick auf ihr Gesicht. Ihr Mikro scheint ins Publikum gefallen zu sein – die Boxen krachen laut, als trete es jemand unten in der Menge kaputt. Einige in den ersten Reihen halten die Hände vor den Mund, manche fahren sich durch die Haare. Doch Ela bewegt sich nicht. Ihr linker Arm ragt scheinbar tot vom Laufsteg. Ordner drehen sich um, blicken zu ihr hoch. Ein junger Fan klettert über das Gatter und versucht zwischen den staunenden Sicherheitsleuten Elas Finger zu erreichen. Ich muss zu ihr, eile den Laufsteg hoch und knie mich neben sie, zupfe die leere A-Saite immer weiter und streiche ihre Haare beiseite. Wie blass ihr Gesicht mit einem Mal ist.

Tom erhöht noch einmal den Druck, Eggert und Christel ziehen mit. Wir versuchen, Ela über den Rhythmus wieder auf die Beine zu bringen. Aber Ela liegt starr am Boden. Ihre Augen blicken ohne Lidschlag in den Himmel, nur ihre Halsschlagader zeigt Lebendigkeit. Der junge Fan fordert eine Zugabe und streckt seine Finger erneut nach ihr aus. Doch Elas Arm schnellt in die Höhe, ihr Körper zuckt auf und liegt wieder still im Wind.

(c) Andreas van Hooven 2017