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Interview von Ela mit einem regionalen TV-Sender über die Songs der Stereos
(Auszug aus dem Roman Klangkörper)


„Nehmen wir mal euren Song Keine Götter im Himmel. Geht‘s darin um die Verzweiflung, dass Parkinson nicht heilbar ist?“

„Nein, eigentlich nicht! Die Krankheit ist sicherlich ein großer Antrieb und sie stürzt dich auch immer wieder in große Verzweiflung. Aber das hätte ja nichts mit Kunst zu tun, wenn ich immer bloß meine eigene Geschichte erzählen würde.“

„Was steckt also mehr in Songs wie Keine Götter im Himmel oder Liebevolles Grün?“

„Hey, das kennst du schon? So oft haben wir das noch gar nicht gespielt.“

„Ich war beim Förde-Festival.“

„Tja! Das liebevolle Grün habe ich von einem befreundeten Musiker, einem Klarinettisten der Bremer Philharmoniker. Er hat’s mir auf einer Autobahnbrücke gezeigt, das liebevolle Grün, im Sonnenuntergang. Es ist sehr flüchtig, dieses Grün.“

„Philharmoniker, das ist ein Stichwort ... Du hast eine klassische Ausbildung, bist eigentlich Cellistin. Spielst du noch?“

Ela wirkt kurz verunsichert, blickt mir in die Augen, dann zu den angerissenen Plakaten an der Wand:

„Nein, das Cello ist defekt. Ich muss es mal reparieren lassen.“

„Werden wir dich eines Tages mit dem Cello auf der Bühne erleben?“

„Ich weiß es nicht.“

„Nehmen wir mal an, es wäre so. Was möchtest du am liebsten spielen?“

Wiederum zögert sie, greift ihren Arm, der unwillkürlich zu zucken beginnt. Ela wirkt angespannt, als habe jemand sie bei etwas Verbotenem ertappt. Sie presst den Arm an die Hüfte, wandert mit den Augen über die Poster an der Wand, streift meinen Blick und zögert wieder, reibt sich den Unterarm.

„War die Frage zu persönlich?“

„Nein, nein!“, sagt sie. „Es ist nur ...“

Ich nicke ihr zu, schließe die Augen und bin mir sicher, dass sie ihre Worte finden wird. Sie räuspert sich und streift erneut die dunklen Haare über die Schulter zurück. Ich kann den Honigduft bis hierher riechen und merke, wie mein Puls ansteigt.

„Weißt du, anfangs war es noch ein Spaß, der mit einer Visitenkarte anfing. Ich hatte die Diagnose bekommen und saß zu Hause bei meinen Eltern im Bücherzimmer. Es war mein erster richtig starker Anfall von Akinese. Ich saß von Kopf bis Fuß gelähmt im Ledersessel meiner Mutter und sah diese Visitenkarte neben mir auf dem Tisch. Das einzige, was ich tun konnte, war im Wechsel nach draußen auf die sonnigen Felder zu schauen oder auf diese Visitenkarte, auf ihren Namen. Plötzlich war mir klar, dass meine Stimme meine einzige Chance bleiben würde. Dass ich meine eigene Musik machen müsste und eine gute Band für meine Stimme bräuchte. Auch der Name war sofort im Kopf, Stereos."

(c) Andreas van Hooven 2017